7.5.2026
SL Insight Newsletter #33
GDP-Adjustierung im MFN-Framework: Was das BAG zurückweist, hat die US-Regierung kodifiziert
Marcel Boller
Im SL Insight Newsletter #32 vom 4. Mai 2026 haben wir dokumentiert, dass die Präsentation von Jörg Indermitte, Leiter Abteilung Arzneimittel beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), an den Health Insurance Days 2026 den GENEROUS-Referenzpreismechanismus nicht erwähnt. Die zwischenzeitliche Entwicklung verschärft den Befund. Am 5. Mai 2026 hat der Council of Economic Advisers (CEA) im Weissen Haus den Bericht Savings from Most-Favored-Nation Drug Pricing Policy veröffentlicht. Der Bericht beschreibt die Berechnungsmethodik, die das US-Gesundheitssystem auf Schweizer Arzneimittelpreise anwendet.
Was Jörg Indermitte auf Folie 23 zur Kaufkraftbereinigung sagt
Die Folie trägt den Titel «Pharmarhetorik: Angstmacherei – Drohgebärden – Intransparenz». Unter den dort als Industrieargumenten gelisteten Punkten befindet sich die Forderung, dass Schweizer Arzneimittelpreise einer Kaufkraftbereinigung zu unterziehen seien, weil sie unter Berücksichtigung der inländischen Kaufkraft zu tief seien. Die Antwort, die das BAG dieser Forderung gegenüberstellt, lautet wörtlich: «Kaufkraftbereinigung bei global gehandelten Waren auf Fabrikabgabepreisen? Wollt ihr uns für dumm verkaufen?»
Diese Antwort ist weder eine technische Auseinandersetzung mit der Methode der Kaufkraftbereinigung noch eine substantielle Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden ökonomischen Mechanismus. Sie qualifiziert eine Methodenforderung als rhetorische Drohgebärde ab. Damit liegt eine öffentliche Festlegung der zuständigen Schweizer Behörde vor: Die Anwendung einer GDP-Kaufkraftparität auf Schweizer Arzneimittelpreise sei sachlich nicht ernstzunehmen.
Was der CEA-Bericht vom 5. Mai 2026 zur PPP-Methodik festhält
Der Bericht des Council of Economic Advisers vom 5. Mai 2026 beschreibt die Methodik, mit der die US-Regierung den MFN-Referenzpreis bestimmt. Im Abschnitt zur Definition des MFN-Preises hält der Bericht fest, dass die Nettopreise der Referenzländer adjustiert werden - und zwar wörtlich: «International net prices will be adjusted by the ratio of gross domestic product (GDP) per capita in comparison to the U.S., using a purchasing power parity adjustment and most recent data.»
Der Referenzländerkorb umfasst die G-7-Staaten ohne die USA sowie Dänemark und die Schweiz. Die Schweiz ist damit eines von acht Referenzländern, deren Preise nach Anwendung der GDP-Kaufkraftparität in die Berechnung einfliessen.
Die Kaufkraftbereinigung, die das BAG in Interlaken als rhetorische Manipulationsfigur dargestellt hat, ist damit dokumentiert als die offizielle Berechnungsmethode der US-Regierung im Umgang mit Schweizer Preisen. Sie ist keine Industrieforderung mehr, deren Berechtigung diskutiert werden könnte. Sie ist die Methode, mit der die Schweizer Spezialitätenliste in das US-Erstattungssystem übersetzt wird.
Warum diese Differenz für die Schweiz folgenreich ist
Die dokumentierte Differenz zwischen der öffentlichen Position des BAG und der offiziellen Methodik der US-Regierung hat drei konkrete Konsequenzen.
Erstens: In laufenden SL-Verfahren ist die institutionelle Wissenslücke dokumentiert. Wenn ein Zulassungsinhaber gegenüber dem BAG die internationalen Preisreferenzkonsequenzen seiner Schweizer Preisbildung argumentiert, trifft er auf eine Behörde, welche die zugrundeliegende Methodik öffentlich als rhetorische Drohgebärde dargestellt hat.
Zweitens: Für die Anfang 2026 unter Leitung von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg eingesetzte Life-Sciences-Taskforce ist die Folie der konkreteste verfügbare Beleg dafür, dass die Schweizer Pharmapreisaufsicht die internationalen Referenzpreismechanismen, in denen sie operiert, nicht institutionell reflektiert. Eine Empfehlung zur Reform der Spezialitätenliste, die diese Wissenslücke nicht adressiert, wird der dokumentierten Realität nicht gerecht.
Drittens: Für die internationale Wahrnehmung der Schweiz als Pharmastandort ist die öffentliche Zurückweisung einer Methode, die in der offiziellen US-Pricing-Policy verbindlich verankert ist, ein präziser Indikator. Die globalen Market-Access-Teams der Zulassungsinhaber lesen das BAG-Dokument und den CEA-Bericht parallel. Die Konsequenz ist nicht eine Konfrontation mit der Schweizer Behörde, sondern eine stille Neusortierung der Schweizer Position in der globalen Launch-Sequenz.