4.5.2026
SL Insight Newsletter #32
Die Indermitte-Präsentation: Wenn die Behörde GENEROUS nicht kennt
Marcel Boller
An den Health Insurance Days 2026 in Interlaken hat Jörg Indermitte, Leiter Abteilung Arzneimittel beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), eine offizielle Präsentation unter dem Titel «Medikamentenpreise – Spagat zwischen Zugang und Finanzierbarkeit» gehalten. Auf Folie 23 weist er drei Argumente der Pharmaindustrie zu Schweizer Preisen pauschal zurück. Was die Präsentation dabei vollständig ausblendet: den GENEROUS-Referenzpreismechanismus, der Schweizer Listenpreise direkt in US-Medicaid-Verhandlungen einbettet.
Was Indermitte auf Folie 23 sagt – und was er dabei ausblendet
Auf Folie 23 listet Indermitte drei Argumente der Pharmaindustrie auf und konterkariert sie jeweils mit einer rhetorischen Gegenfrage.
Das erste Argument lautet: «Die Schweiz hat kaufkraftbereinigt zu tiefe Preise.» Indermitte erwidert: «Kaufkraftbereinigung bei global gehandelten Waren auf Fabrikabgabepreisen? Wollt ihr uns für dumm verkaufen?»
Das zweite Argument lautet: «Europa/die Schweiz finanziert zu wenig an den Kosten für Forschung und Entwicklung.» Indermitte kontert: «Geht es um Forschung und Entwicklung oder Gewinnmaximierung? Wer ist schuld an den (viel zu) hohen US-Preisen?»
Das dritte Argument lautet: «Europa/die Schweiz wird von uns nicht mehr mit neuen Medikamenten beliefert.» Indermitte antwortet: «Wieso wollt ihr euren zweitgrössten Markt vergraulen?»
In der gesamten 26-seitigen Präsentation findet sich kein einziger Hinweis auf GENEROUS, auf MFN-Verpflichtungen gegenüber CMS oder auf die Frage, wie der öffentlich sichtbare Schweizer SL-Listenpreis in ausländische Erstattungsverhandlungen einfliesst.
Warum diese Widerlegungen den eigentlichen Punkt verfehlen
Das GENEROUS-Modell (GENErating cost Reductions fOr U.S. Medicaid) ist ein von CMS geführter Verhandlungsrahmen, in dem internationale Arzneimittelpreise als Referenz für US-Medicaid-Rabattverhandlungen eingesetzt werden. Die Referenzländer sind die G7-Staaten plus Dänemark und die Schweiz. Mehrere grosse Pharmaunternehmen haben im Rahmen von MFN-Deals (Most Favoured Nation) mit CMS die vertragliche Verpflichtung übernommen, GENEROUS auf alle neu eingeführten Produkte anzuwenden.
Vor diesem Hintergrund verfehlen Indermittes drei Widerlegungen ihren Gegenstand präzise.
Zum ersten Argument (Kaufkraftbereinigung): Indermitte stellt die Anwendung von Kaufkraftparitäten auf Arzneimittelpreise als absurd dar. Dabei ist die Kaufkraftbereinigung («GDP Purchasing Power Parity», PPP) kein Argument, das sich die Pharmaindustrie ausgedacht hat – es ist die Methode, die CMS im GENEROUS-Modell offiziell und verbindlich anwendet. Im Modell werden alle internationalen Referenzpreise für das BIP nach Kaufkraftparität bereinigt, bevor der zweitniedrigste Nettopreis als US-Medicaid-Referenzwert festgesetzt wird. Die Schweiz hat zwar ein hohes nominales BIP pro Kopf. Der PPP-Korrekturfaktor führt jedoch dazu, dass Schweizer Arzneimittelpreise nach Bereinigung systematisch zu den niedrigsten im GENEROUS-Korb gehören.
Zum zweiten Argument (F&E-Finanzierung): Indermittes Gegenfrage («Geht es um F&E oder Gewinnmaximierung?») konstruiert einen Gegensatz, der am eigentlichen Punkt vorbeigeht. Für Unternehmen mit GENEROUS-Verpflichtung ist das primäre Motiv für höhere Schweizer Preise weder F&E-Finanzierung noch Gewinnmaximierung, sondern eine vertragliche Pflicht gegenüber CMS: Die MFN-Deals verpflichten die unterzeichnenden Unternehmen, GENEROUS auf alle künftigen innovativen Produkte anzuwenden. Ein tiefer Schweizer FAP ist für diese Unternehmen kein lokales Zugeständnis, sondern ein globaler Referenzpreis mit US-Medicaid-Konsequenzen, die vertraglich nicht ignoriert werden können.
Zum dritten Argument (Versorgungssicherheit): Indermittes Frage («Wieso wollt ihr euren zweitgrössten Markt vergraulen?») missversteht die Anreizstruktur fundamental. Europa ist gesamthaft der zweitgrösste Markt – die Schweiz allein ist volumenmässig marginal. Ein Unternehmen mit GENEROUS-Verpflichtung, das eine Schweizer Listung verzögert oder einen höheren Fabrikabgabepreis (FAP) fordert, tut dies nicht um den Schweizer Markt zu verlassen. Es tut dies, weil ein öffentlich sichtbarer tiefer Schweizer Preis nach PPP-Bereinigung als zweitniedrigster Referenzwert in die GENEROUS-Berechnung einfliesst und erhebliche US-Medicaid-Konsequenzen auslöst, die es vertraglich nicht ignorieren kann.
Warum das für die Schweiz als Pharmastandort folgenreich ist
Solange das BAG den GENEROUS-Mechanismus nicht als institutionelle Variable in seine Preisbeurteilung einbezieht, wird es pharmazeutische Preisforderungen, die strukturell durch US-Regulierung bedingt sind, systematisch als überhöht und interessengeleitet beurteilen. Das hat zwei konkrete Folgen. Erstens: Unternehmen mit MFN-Exponierung werden Schweizer Listungen zunehmend verzögern oder vermeiden. Zweitens: Die Schnegg-Taskforce «Life Science Standort» wird keine tragfähigen Lösungen erarbeiten können, solange GENEROUS in der institutionellen Analyse des BAG nicht vorkommt.